Hedera hibernica 'Digitata'

Einer der ältesten bekannten Sorten ist ’Digitata’. Sie wurde vor 1826 wild wachsend in der Nähe eines ehemaligen Baumschulgeländes in Dungas Town, Wicklow, an der Irischen Ostküste aufgefunden und als Hedera helix ‘Hodgensii’ oder H. helix ‘Incisa‘ bezeichnet. Nach Lawrence & Schulze (1942) wurde der Efeu von Dr. Mackay gefunden (Flora Hibernica 1836) und von Mr. Hodgens in Umlauf gebracht. Da der Efeu aber auch als einer von sieben Efeusorten 1826 im Katalog von Conrad Loddiges aus Hackney, London, gelistet war ist nicht ganz klar ob Loddiges die Sorte noch vor Hodgens erhalten hatte. Vermutlich ist der Efeu eine wild wachsende Blattvariante, so dass sie möglicherweise von verschiedenen Personen im gleichen Zeitraum gefunden worden sein könnte.

1838 wurde er in der von James Booth eröffneten Gärtnerei Flottbeck in Hamburg für neun Pence angeboten. Erwähnt wurde der Efeu auch 1846 in der Publikation “Arboretum et Fruticetum“ der Baumschule Peter Lawson und Söhne. Im Gardener's Chronicle von 1867 beschreibt William Paul den Efeu: “Blätter dunkelgrün, lang und spitz, Blattbasis breit und tief eingebuchtet, schneller Wuchs. Weniger Triebe als bei den meisten anderen Sorten.“ Hibberd beklagte sich 1872 in seinem Buch “Ivy“ über die Vermischung der Sorten 'Palmata', 'Crenata' und 'Digitata' durch einige Baumschulen und schreibt dazu: " 'Digitata' ist sehr dunkelgrün, tief gefingert und großblättriger als jede von den anderen beiden." Bei ’Crenata’ aber sind: "...die Blätter breit, in der Regel fünf-lappig und fingerförmig, aber weniger deutlich als bei 'Digitata'; die Kanten sind viel gekerbter und die Farbe ist ein leichtes Grasgrün." und ’Palmata’ besitzt: “...mittelgroße, drei- bis fünflappige Blätter, deren Aussehen oft an Palmen erinnern“. Daher sollte bei 'Digitata' prinzipiell von einer großblättrigen Sorte ausgegangen werden.

1885 stellt George Nicholson, Kurator des Botanischen Gartens Kew, die Sorte vor. Eine detaillierte Beschreibung und Abbildung lieferten 1942 Lawrence und Schulze. 1970 wird sie von Nannenga-Bremekamp als eine der drei Sorten der ‘Digitata‘-Gruppe bezeichnet. Bean (1973) bestätigt die Angaben von Lawrence und Schulze, stellt aber zusätzlich fest dass ’Digitata’ mit der Sorte ‘Hodgensii‘ identisch ist und weist auf die scharf umrissenen, nach vorn gerichteten Lappen, die engen Einbuchtungen und die zahlreicher als bei anderen Sorten vorkommenden Sternhärchen hin.

Ähnliche Sorten sind 'Pennsylvanica' und ‘Digitata Nova‘, von Paul 1867 im Zusammenhang mit ’Digitata’ erstmals erwähnt, und ‘Rottingdean’, welche 1964 von Roland Jackman in Rottingdean, einem östlichen Vorort von Brighton, Sussex, gefunden und eingeführt wurde. Paul beschreibt ‘Digitata Nova‘ als kleinblättrige ’Digitata’ Variante. Rose spekuliert 1982 in seinem Buch “Efeu“, dass der in Gärtnereien unter dem Namen ’Digitata’ vertriebene Efeu vermutlich die kleinblättrige ’Digitata Nova’ sei, da der Zusatz ’Nova’ mit der Zeit aus den Katalogen verschwand, und die von Jackman gefundene ‘Rottingdean’ sei die ursprünglich beschriebene ’Digitata’ von Loddiges und Hodgens.
Die 'Pennsylvanica' beschreibt Paul mit: "Blätter grün, sehr tief eingeschnitten, Venen hervorstehend..."
Zwischen 1899 und 1932 zirkulierte in einigen englischen Gärtnereien auch ein Efeu namens ’Digitata Aurea’. In einem Katalog der Gärtnerei L. R. Russell wurde er “mit tief eingeschnittenen, goldene Blättern“ geführt. Vermutlich ging er verloren, es sind keine farbigen Varianten von ’Digitata’ bekannt. Die einzige bekannte fingerförmige Sorte mit partieller Gelbfärbung ist die aus ‘Corrugata‘ entstandene ‘Mrs. Pollock‘. Leider hat die Sorte in keiner uns bekannten Sammlung ihre Färbung behalten und ist nur als grünblättrige Pflanze zu bekommen.

Nach einer Chromosomenuntersuchung in den 1970’er Jahren durch McAllister wurde festgestellt, dass ’Digitata’ (und damit auch 'Rottingdean') Tetraploid ist (2n = 96). Der Efeu wird daher und aus anderen Gründen als Sorte von H. hibernica betrachtet.
Synonyme für ’Digitata’ sind ‘Hodgensii‘ und ’Incisa’ (Moore 1866) sowie ’Angustifolia’ (Rehder 1897). Von verschiedenen Autoren werden auch die als eigenständige Sorten betrachteten 'Crenata', ’Palmata’ und 'Pennsylvanica' als Synonym angegeben.

Unklar ist welche Sorten sich bis heute bei uns erhalten haben. Da die in unseren Sammlungen vorhandene ’Digitata’ eher großblättrig und schnellwüchsig ist, unsere ’Rottingdean’ aber mehr über einen kleinblättrigen und mittelschnellen Wuchs verfügt, bleibt offen ob es sich um die ursprünglich beschriebenen Sorten handelt. Unsere Pflanzen sind aus der Sammlung von Ingobert Heieck; ’Rottingdean’ erhielt er 1979 von Peter Q. Rose, ’Digitata’ 1978 vom Research Center der amerikanischen Efeugesellschaft in Dayton, Ohio, USA, und eine weitere als ’Digitata’ (Hibberd) bezeichnete Pflanze entstammt einer Englandreise von Garry Grüber aus dem Jahr 1982.

Heieck stellt in “Hedera Sorten“ (1987) für seine ’Digitata’ fest, dass die Sorte wesentlich kleinblättriger ist als die bei Hibberd (1872) abgebildete (“Original“) ’Digitata’, Heiecks ’Rottingdean’ hingegen entspricht schon eher Hibberds ’Digitata’. In einem Artikel über (die eher kleinblättrige) ’Crenata’ ordnet er dieser ’Digitata Nova’ als mögliches Synonym zu. Damit stützt Heieck Roses Vermutungen, die vorhandene ’Rottingdean’ entspreche der Original ’Digitata’ (der Name wäre damit nur ein Synonym von ’Digitata’), und ’Digitata Nova’ sei eine kleinblättrige ’Digitata’ Variante.


Widersprüchlich ist nun die Tatsache, dass die heute in unseren Sammlungen vorhandene, eher kleinblättrige ’Rottingdean’ Heiecks Angaben zufolge eigentlich die (großblättrige) richtige ’Digitata’ sein müsste, und unsere großblättrige ’Digitata’ bei Heieck eher kleinblättrig war. Die Rückverfolgung der genauen Herkunft unserer ’Digitata’ ist nicht mehr möglich. Wir haben uns daher entschlossen die in unseren Sammlungen vorhandene ’Digitata’ wegen ihres identischen Habitus mit dem in der Erstbeschreibung erwähnten Efeu als korrekte Pflanze für diese Sorte anzusehen und unsere ’Rottingdean’ als einen möglichen ’Digitata’-Klon zu führen.

Die Verwechslungen bzw. die unklare Zuordnung der fingerförmigen Efeusorten ist vor allem darauf zurück zu führen, dass sich die jungen Blätter der einzelnen Pflanzen sehr ähnlich sehen und ihre markanten Unterschiede erst im Alter ausbilden.

Mittelfristig sollte eine gründliche Untersuchung und vergleichende Pflanzung der Sorten ’Digitata’, 'Crenata', ’Corrugata’, ‘Mrs. Pollock‘, ’Palmata’, 'Pennsylvanica' und ’Rottingdean’ die einzelnen Unterschiede der Efeus klar herausstellen, auch um festzustellen welche Sorten tatsächlich noch in den Sammlungen vorhanden sind, und bei welchen die ursprünglich beschriebene Struktur verloren gegangen ist, bzw. wo eine falsche Benennung vorliegt.

’Digitata’ ist eine stark wachsende, rankende Sorte mit dicht anliegenden, kletternden Trieben. Die Triebe sind violett-grün, die Internodien 3 bis 5cm, die grauen Sternhaare sind 4-6 strahlig. Die Blattstiele sind violett-grün und haben eine Länge von 1,5 - 4 cm. Die 3-5, manchmal 7 lappigen, handförmigen Blätter sind 7 bis 9 x 7 bis 10 cm und daher meist breiter als lang. Der Terminallappen ist etwas länger als die zwei Laterallappen, die Basallappen sind gut bis wenig ausgebildet. Die Blattspitzen sind zugespitzt, die Blattbasis ist gestutzt. Die Blätter besitzen enge Einbuchtungen, welche am Tiefpunkt gewellt sind. Die Blattfarbe ist dunkelgrün, die hellen, grau-weißen Adern sind nicht erhabenen. Im Winter entsteht keine Anthocyanfärbung.
Mit der guten, dekorativen Wirkung von Blatt und Pflanze kann der Efeu im Freiland zur Begrünung von Mauern, Zäune, Bäume und als Bodendecker für kleinere Flächen verwendet werden.

Lit.
Friedrich Tobler, 1912, Die Gattung Hedera, Verlag Gustav Fischer Jena
Friedrich Tobler, 1927, Die Gartenformen der Gattung Hedera, in: Mitteilungen der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft, Jahrbuch 1927, S.1-33
Ingobert Heieck, 1977, Das Efeusortiment der Gebr.Stauss, Möglingen bei Stuttgart
Gerd Krüssmann, 1977, Handbuch der Laubgehölze - Band 2, Paul Parey Berlin
Peter Q. Rose, Efeu, 1982, Eugen Ulmer Ulmer Verlag, Stuttgart, S.65-66
Alison Rutherford & Hugh McAllister, 1983, Hedera hibernica and its Cultivars, in: Ivy Journal Vol.9, No.2, June 1983, S.23-28
Ingobert Heieck, 1987, Hedera Sorten, Ihre Entstehung und Geschichte dargestellt am Sortiment der Gärtnerei Abtei Neuburg, Gärtnerei Abtei Neuburg, S.26
Ronald Whitehouse, Catalogue 1994, Whitehouse Ivies, Brookhill, Fordham, Colchester, UK
Peter Q. Rose, 1996, Ivies, The Gardener’s Guide to Growing, Timber Press, Portland, Oregon, USA, S.65,67-68,104-105,128

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  • Hedera hibernica 'Digitata' 16 (1)
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