Anthocyane - das Blut des Efeus

von W. Engesser

Abb. 1: Struktur der Farbstoffkomponente eines Anthocyans. Abb. 1: Struktur der Farbstoffkomponente eines Anthocyans. Im späten Herbst und in den Wintermonaten beobachten wir an vielen Efeusorten, dass Bereiche ihrer Blätter dunkelrote Farbtöne annehmen. Manche Sorten wie etwa Hedera helix 'Atropurpurea', 'Nigra', 'Glymii' oder 'Woerneri' (siehe Efeufreund Nr. 35) zeigen bereits im Sommer dunkle grünviolette Blätter, die im Winter noch nachdunkeln. Auch bei den Früchten des Efeus können wir beobachten, dass die zunächst grünen Beeren erst im Winter nach und nach dunkel violett werden. In allen Fällen sind für die geschilderten Färbungen Farbstoffe verantwortlich, die zur Klasse der Anthocyane zählen. Dabei handelt es sich um Moleküle, in denen das eigentliche Farbstoffmolekül mit einem Zuckermolekül verbunden ist (Abb.1).

Das Zuckermolekül koppelt an die linke, untere OH-Gruppe; R bzw. R’ steht für chemische OH- bzw. H-Reste, in denen sich die verschiedenen Anthocyane unterscheiden.

 

Abb. 2 Lokalisation farbgebender Pigmente in einer Pflanzenzelle.Abb. 2 Lokalisation farbgebender Pigmente in einer Pflanzenzelle.Diese Anthocyane werden meist in den Zellsafträumen (Vakuolen) der Pflanzenzellen gebildet und sind somit mit dem Mikroskop leicht zu identifizieren (Abb.2).

Neben den Plastiden, die Chlorophylle oder Carotinoide als Farbstoffe besitzen, können Farbstoffe auch im Zellsaft der Vakuole gelöst sein.

Beträufelt man einen dunkelroten Blattquerschnitt oder den mikroskopischen Querschnitt durch die schwarzviolett erscheinende Haut der Efeubeere mit etwas Essig oder verdünnter Salzsäure, so erfolgt ein für Anthocyane typischer Farbumschlag nach Hellrot. Entsprechende Versuche lassen sich auch an den anthocyanhaltigen Blättern des Rotkohls, den Blütenblättern der Kornblume und der Schale der Blaubeeren durchführen. Im sauren Zellsaft überwiegt die Rotfärbung der Anthocyane, im alkalischen Zellsaft zeigt sich eine Blau- bzw. Violettfärbung.

Bereits Tobler zeigte in seiner Schrift „Die Gattung Hedera“ von 1912, dass die Eigenschaft der Anthocyanbildung in Zusammenhang mit der Winterhärte steht und somit in Beziehung zum natürlichen Verbreitungsgebiet der Sorten bzw. Arten steht. Solche Sorten, die die Eigenschaft besitzen Anthocyane zu bilden, entstammen danach den nördlichsten Verbreitungsgebieten der Gattung Hedera. Die Fähigkeit zur Anthocyanbildung wird vererbt und tritt hauptsächlich bei Sorten von H. helix, kaum aber bei solchen von H. hibernica auf. Allerdings ist bis heute meines Wissens nicht endgültig geklärt, worauf der offensichtlich durch Anthocyane bedingte Kälteschutz beruht. Denkbar ist, dass eine höhere Konzentration dieser Zuckerverbindungen in den Vakuolen die Gefriertemperatur herabsetzt und dadurch die Bildung von schädigenden Eiskristallen verhindert. Interessant auch die von Tobler zitierte These von E. Stahl, wonach Anthocyane vermutlich durch Lichtabsorption eine Temperaturerhöhung im Blatt bewirken und somit Stoffwechselprozesse beschleunigen.

Über die Mitteilung weitergehender, wissenschaftlich abgesicherter Befunde zur geschilderten Problematik würde ich mich freuen.

Lit.: -Der Efeu Freund Nr.37, 2001 Ausgabe 1, S. 4 – 5

 

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